Abt Reinhold Dessl: „Wilhering soll ein Ort des Gebetes und der Begegnung bleiben“

Der Mühlviertler Reinhold Dessl steht dem Stift Wilhering seit dem Jahr 2013 als Abt vor. Foto: Stift Wilhering
Vor wenigen Wochen wurde das Stift Wilhering 875 Jahre alt. Das Kloster ist durch seine Pfarren mit dem Mühlviertel eng verbunden. Abt Reinhold Dessl – er stammt aus Sonnberg bzw. Zwettl an der Rodl – sieht im Interview in „seinem“ Kloster auch in Zukunft einen Ort des Gebetes, der Gottessuche und der Begegnung. Die Fragen an Dessl stellte Chefredakteur Bernhard Haudum.

Das Stift Wilhering wurde vor wenigen Wochen 875 Jahre alt. Was bedeutet so ein besonderes Jubiläum für Sie als Abt?

Dessl: Ich habe großen Respekt vor dieser langen Geschichte und den Generationen vor uns. Der Blick zurück motiviert für die Zukunft: „Christentum ist Perspektive und nicht Retrospektive“ (Annette Schavan).

Die lange Geschichte des Stiftes ist eng mit dem Mühlviertel verknüpft. Woher kommt diese Verbindung?

Dessl: Herzog Friedrich II. schenkte das durch den Kauf an die Babenberger gefallene Patronatsrecht über die Pfarre Gramastetten 1240 dem Stift Wilhering. Somit wurde Gramastetten Wilheringer Stiftspfarre. Aus dieser großen Urpfarre haben sich (mit Ausnahme von Puchenau, das erst 1625 zu Wilhering gekommen ist) die jetzigen Wilheringer Pfarren entwickelt.

Wie viele Pfarren werden von Wilheringer Priestern im Mühlviertel betreut?

Dessl: Puchenau, Ottensheim, Gramastetten, Eidenberg, Zwettl, Obeneukirchen, Traberg, Waxenberg, Bad Leonfelden und Vorderweißenbach.

Früher stammten viele Wilheringer Mönche aus den Mühlviertler Pfarren. Ist das heute auch noch so?

Dessl: Ein Großteil unserer 16-köpfigen „Mannschaft“ stammt nach wie vor aus dem Mühlviertel, wobei Vorderweißenbach der Spitzenreiter ist.

Inwieweit ist die Wilheringer Klostergemeinschaft personell in der Lage, Ihren seelsorglichen Aufgaben nach wie vor nachzukommen?

Dessl: P. Michael, P. Wolfgang, P. Otto, P. Theobald und P. Andreas wirken als Pfarrer vor Ort. Dankbar sind wir für die Unterstützung durch Pastoralassistenten, Diakone und das Seelsorgeteam in Eidenberg. In Gramastetten wirkt P. Josaphat aus dem Stift Schlierbach als Kaplan und unterstützt mich in der Seelsorge.

Wie sieht es mit dem Nachwuchs in der Klostergemeinschaft aus?

Dessl: Wir haben jetzt schon einige Jahre keinen Eintritt mehr gehabt, geben die Hoffnung aber nicht auf. Wir sind gerade dabei, eine „Zisterziensische Weggemeinschaft Wilhering“ ins Leben zu rufen, wo auch verheiratete Männer sich für eine bestimmte Zeit dem Kloster anschließen können und eine Teilhabe am klösterlichen Leben möglich ist, soweit Familie und Beruf es erlauben. Interessierte an diesem „Ordensleben auf Zeit“ können sich gerne bei mir melden!

Die Seelsorge hat sich in den letzten Jahrzehnten tiefgreifend verändert. Wie geht man seitens des Stiftes Wilhering mit der mitunter nicht mehr so großen Bedeutung der pfarrlichen Gemeinschaften um?

Dessl: Die Pfarren werden auch in Zukunft eine Bedeutung haben, wobei wir uns aber damit abfinden müssen, dass wir keine geschlossene christliche Gesellschaft mehr haben und auch kein Monopol mehr auf die Feier der Lebenswenden von der Geburt bis zum Begräbnis. Umgekehrt werden manche Formen des religiösen Lebens wie etwa das Pilgern wieder neu entdeckt.

Was sagen Sie zu jenen Reformen, die die Diözese in der pfarrlichen Landschaft in Oberösterreich umzusetzen gedenkt?

Dessl: Angesichts der Personalsituation und der Vorteile einer verwaltungstechnischen Vereinfachung gibt es dazu keine Alternative. Strukturen alleine bringen uns aber nicht weiter. Es liegt an uns, sie mit Leben zu erfüllen. Die Pfarrgemeinderatswahl im kommenden Jahr ist eine gute Möglichkeit, nach neuen Mitarbeitern Ausschau zu halten.

Wie zufrieden sind Sie mit den Vorgaben der Amtskirche im Umgang mit Laien?

Dessl: Papst Franziskus hat heuer einen zweijährigen synodalen Weg eröffnet, bei dem in den nächsten Monaten an der Kirchenbasis über den zukünftigen Weg der Kirche gesprochen werden soll. Dieses gläubige Nachdenken soll dann im darauffolgenden Jahr weltweit zusammengeführt werden. Ich hoffe, dass der Heilige Geist hier einige Überraschungen für uns parat hält.

Wo sollten Ihrer Ansicht nach die Frauen in der Kirche ihren Platz finden?

Dessl: Frauen und Männer sollen gleichberechtigt sein, was die Ämter und Dienste in der Kirche anlangt. Dankbar bin ich für alle Frauen, die sich haupt- oder ehrenamtlich in der Kirche engagieren.

Zurück zum Jubiläum Ihres Stiftes: Wie wurde dies gefeiert und was steht noch auf dem Programm?

Dessl: Wir haben Anfang September unsere Pfarren nach Wilhering eingeladen, am Gründungstag des Klosters gab es ein „zisterziensisches Familientreffen“ und am 7. November haben wir dann mit den Vertretern der Öffentlichkeit gefeiert. Nächstes Jahr bieten wir am Samstag vor dem Palmsonntag einen Einkehrtag mit Abtprimas em. Notker Wolf OSB an. Ein bleibendes Werk wird wohl das neue Buch über Wilhering mit Beiträgen zu Geschichte, Kunst und Spiritualität sein, in dem man viel über Wilhering erfahren kann.

In der Öffentlichkeit machte Wilhering zuletzt mit seinen Investitionen Schlagzeilen. Worauf sind Sie dabei besonders stolz?

Dessl: Immer wieder sagen mir Leute, dass sie den neuen Stiftshof sehr gelungen finden. Auch das Stiftsmuseum beeindruckt die Leute und lädt nach Wilhering ein. Wir wollen ein gastfreundlicher Ort der Begegnung sein.

Wo sehen Sie Ihr Kloster in 10 und in 20 Jahren?

Dessl: Auch in 10, 20 Jahren ist das Stift Wilhering ein Ort, wo gebetet, gearbeitet und Gott gesucht wird. Junge Leute erhalten weiterhin eine umfassende Bildung. Menschen tauschen sich in Wilhering über zentrale Fragen des Lebens aus, etwa wie das Leben im digitalen Zeitalter menschlich bleiben kann und die Technik dem Menschen dienen kann (und nicht umgekehrt).

Und was wünschen Sie Wilhering für die nächsten 875 Jahre?

Jedes Jahr mindestens einen Neuzugang!

Die Zisterzienser zu Wilhering betreuen zahlreiche Pfarren im Mühlviertel. Viele von ihnen haben auch ihre familiären Wurzeln in der Region nördlich der Donau. Foto: Kurt Hoerbst